Fachartikel L.A.Multimedia: Tablet-Projekt Wiesbaden II – Tablet und Inklusion

Tablet und Inklusion

Hessische Modellregion Inklusion Wiesbaden setzt Zeichen

Mit einem positiven Fazit ging im März das wissenschaftlich begleitete Tablet-Projekt an vier weiterführenden Schulen der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden zu Ende. Schon im Juli startete ein darauf aufbauendes zweites Tablet-Projekt, das den iPad-Einsatz in inklusiven Grundschulen und Förderschulen der Stadt unter die Lupe nimmt.

1,5 Jahre Begleitforschung

Vom Sommer 2012 bis zum Frühjahr 2014 begleitete der Medienpädagoge Prof. Dr. Stefan Aufenanger vom Institut für Erziehungswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vier Schulen der hessischen Landeshauptstadt beim Tablet-Einsatz. Der Feldversuch mit drei verschiedenen Geräten in zwei unterschiedlichen Nutzungsformen wurde als eines von ganz wenigen Top-down-Projekten bundesweit vom Schulamt der hessischen Landesstadt initiiert. Die wissenschaftliche Begleitung war darin von Anfang an vorgesehen und wurde vom Kultusministerium des Landes mitgetragen.

„Der Mehrwert der Tablets für den schulischen Unterricht hat sich an vielen Stellen gezeigt. Die Zufriedenheit der Lehrpersonen und die mit dem Einsatz verbundenen Differenzierungsmöglichkeiten im Unterricht durch die Mobilität der Geräte und pädagogischen Apps sind als wichtiger Mehrwert anzusehen“, so schließt der Bericht der wissenschaftlichen Begleitforschung zum Tablet-Projekt Wiesbaden nach mehr als anderthalb Jahren.

Abschlussveranstaltung des ersten Wiesabdener Tablet-Projekts im Frühjahr 2014

Abschlussveranstaltung des ersten Wiesabdener Tablet-Projekts im Frühjahr 2014

Wie alles begann

Das Ziel des Projekts bestand darin, die Möglichkeiten der mobilen Medien im Unterrichtsalltag auszuloten und zu erproben. In einem Bewerbungsverfahren, das allen weiterführenden Wiesbadener Schulen mit WLAN-Ausstattung offen stand, wurden vier Schulen ausgewählt. Die Elly-Heuss-Schule erhielt iPads in einem Ausleihe-System. Die Oranienschule erprobte iPads im Klassenverbund. Die Diltheyschule nutzte Samsung Galaxy Note 10.1-Tablets mit Android-Betriebssystem, die sie ebenso wie die Gutenbergschule mit Fujitsu Siemens Stylistic Windows8-Tablets in einer Klasse einsetzte.

Großes pädagogisches Potenzial

Der wissenschaftliche Begleitbericht stellt unter anderem fest, dass „die Beteiligten – also die Schulleitung, die Lehrpersonen sowie die Schülerinnen und Schüler – im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit dem Projekt gewesen sind und es als eine Bereicherung ansehen.“ Der Evaluationsbericht bescheinigt allen drei Geräten in beiden Nutzungsformen ordentliches pädagogisches Potenzial. Festzustellen war, dass dieses innerhalb des beobachtenden Zeitraums von jeweils rund sechs Monaten von den Lehrkräften längst noch nicht voll ausgeschöpft wurde. Erfreulich: „Der Frontalunterricht – so die Angaben der befragten Lehrpersonen – spielt kaum noch eine Rolle beim Tablet-Einsatz.“

Anlaufschwierigkeiten lohnen sich

Die Tablets erwiesen sich während der Projektbeobachtung insgesamt als sehr „pflegeleicht“, das heißt der Administrationsaufwand war gegenüber den traditionellen Desktopcomputern viel geringer, so der Bericht. Die Lehrkräfte gaben in der Befragung an, dass der Administrationsaufwand anfänglich hoch und zeitaufwändig war, jedoch nach und nach geringer wurde und sich schlussendlich durchaus lohnte. So stellten die Lehrpersonen fest, dass die Tablets eine hohe Differenzierung hinsichtlich der Lerninhalte ermöglichen, gut in Ergänzung zum Lehrbuch eingesetzt werden können und die Schüler insgesamt motivierter sind. 

Kooperatives Arbeiten mit iPads in der Grundschule Schlemengraben Wiesbaden

Kooperatives Arbeiten mit iPads in der Grundschule Schelmengraben Wiesbaden

Kooperative Arbeit ganz vorne

Professor Aufenanger fand Belege, dass die sinnvollsten Einsatzformen für die Tablets erwartungsgemäß im schülerzentrierten Unterricht sowie im kooperativen Arbeiten liegen. So gaben die Schülerinnen und Schüler in den Befragungen zum Beispiel zu einem Großteil an, dass sie den Unterricht als abwechslungsreicher und das kooperative Arbeiten mit den Tablets als sehr angenehm empfanden. Als die vier Kernelemente für die sinnvolle Integration der Tablets in den Unterricht identifizierte die Studie das Unterrichtsfach, die Medienkompetenz bzw. medienpädagogische Kompetenz der Lehrpersonen, das didaktische Konzept sowie die pädagogischen Potenziale der Geräte.

Projekt: Inklusion und iPad

Die Evaluation priorisiert keines der eingesetzten Geräte. Alle warteten mit einem hohen technischen Standard auf und wiesen gewisse Vor- und Nachteile auf, die je nach Anwendungszweck relevant werden. Für das zweite außergewöhnliche Tablet-Projekt des Schulträgers Wiesbaden, des Medienzentrums Wiesbaden und der Fachberatung Medienbildung wurden bewusst iPads ausgewählt. Sie zeigten sich als besonders benutzerfreundlich und bringen schon auf Betriebssystemebene eine Vielzahl von Hilfen für Menschen mit Behinderungen mit. Darüber hinaus existiert ein weites Angebot von spezialisierten Apps und eine entsprechend breite Erfahrung auf Anwenderseite – wenn auch bislang noch verstärkt im angloamerikanischen Sprachraum.

Kompetenzen schaffen

Um die Lehrkräfte-Gruppe bestehend aus Vertretern von fünf inklusiv arbeitenden Grundschulen und zwei Förderschulen kümmert sich vorrangig Förderschullehrer und Fachberater für Medienbildung Lothar Spies. Er hatte im vorangegangen Projekt bereits die Fach- und Prozessberatung übernommen. In der ersten Pilotphase machen die Experten für interaktive Bildungskonzepte von Kontextmedien, eine APD-Trainerin von Apple und das Team des IT-Ausstatters REDNET die Projektteilnehmer fit für den pädagogisch sinnvollen iPad-Einsatz.

Nutzung der App Garage Band  in der Vertonung von Gedichten

Nutzung der App Garage Band in der Vertonung von Gedichten

Startschuss im Juli

Gedichte vertonen, Stop-Motion-Filme drehen und Dokumentationen erstellen: So ging für die Lehrkräfte der Adalbert-Stifter-Schule, Blücherschule, Fluxusschule, Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule, Grundschule Schlemengraben, Karl-Gärtner-Schule und Riederbergschule das Projekt Anfang Juli gleich spannend mit dem ersten Workshop los. Referent Dirk Mempel von Kontextmedien führte die Gruppe in die Möglichkeiten von Audio, Foto und Film ein. Neben den grundlegenden Handgriffen bei der Bedienung der Apps wie zum Beispiel „Garageband” (Gedichtvertonung) lieferte der Experte zudem auch zahlreiche Ideen für den kreativen Einsatz im Unterricht.

Projektausrichtung

„Ein zentrales didaktisches Moment inklusiven Lernens stellt das individualisierte, selbstgesteuerte Lernen dar. Hierfür eignen sich Tablet-Computer in idealer Weise, weil sie als dezentral eingesetztes, äußerst mobiles Medium den individuellen Lern- und Aneignungsprozess medial begleiten können“, sagt Medienberater und Förderschullehrer Lothar Spies über den Grundgedanken des Pilot-Projekts. Besonders für behinderte Schülerinnen und Schüler sieht er im Einsatz der Tablets große Chancen, Kommunikation zu unterstützen, motorische Einschränkungen zu kompensieren oder Einschränkungen aufgrund von Sinnesbeeinträchtigungen abzumildern. „Wir möchten das enorme Potenzial des Lernens mit Tablet-Computern auch im Rahmen inklusiver Settings fruchtbar werden lassen“, so Spies.

Erstellung von Dokumentationen

Erstellung von Dokumentationen

Projektplan

Um das zu ermöglichen durchlaufen die Projekt-Teilnehmer bis Mitte September weitere Workshops unter anderem zu den Themen iPad-Bedienung und Bedienhilfen, Anwendungsmöglichkeiten, Apps für Unterstützte Kommunikation, Administration und Synchronisierung. Die beteiligten Lehrkräfte können sich zudem über die unterrichtsfreie Zeit iPads ausleihen, um sich intensiv mit der Gerätenutzung, zum Beispiel zur Unterrichtsvorbereitung, auseinanderzusetzen. Im Schuljahr 2014/15 erhalten die beteiligten Wiesbadener Förderschulen und inklusiv arbeitenden Grundschulen dann das Angebot, iPads für Medienprojekte an ihren Schulen über das Medienzentrum Wiesbaden auszuleihen. Im Oktober und November trägt die Projektgruppe ihre Erfahrungen zusammen und wertet sie gemeinsam aus. Interessierte Eltern und Lehrer haben dann Anfang Dezember Gelegenheit, in einer thematischen Informationsveranstaltung im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der Modellregion Inklusion Wiesbaden einen Einblick in das Projekt und seine ersten Ergebnisse zu nehmen.

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