UniversumVerlag berichtet über Oranienschule

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Tablet-PCs im Unterricht

Lernen ohne Papier

Schüler der Klasse 8a an der Oranienschule in Wiesbaden lernen seit Anfang des Jahres mit dem iPad. Doch wie können Tablet-PCs und Apps didaktisch-pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden? Und welchen Lernerfolg haben die Jugendlichen?

Dominik Buschardt

Es ist 8 Uhr. 27 Schülerinnen und Schüler der 8a strömen in den Klassenraum. Gerade hat es geläutet. Die Mathematik-Lehrerin Barbara Schneider bittet die Jugendlichen, sich zu erheben. “Guten Morgen”, begrüßt sie die Klasse. “Guten Morgen Frau Schneider”, schallt es zurück. Neben Schreibmäppchen, Buch und Matheheft holen die Jugendlichen ihr iPad, auch Tablet-PC genannt, aus den Schultaschen. Tablet-PCs sind flache tragbare Computer, die über einen berührungsempfindlichen Bildschirm bedient werden.

Dann geht’s auch schon mit dem Abgleich der Hausaufgaben los. Eine der Aufgaben lautet, die Längsseiten einer Raute zu berechnen. Schneider bittet Merle und Anna an die Tafel, aber nicht etwa, um den Rechenweg dort anzuschreiben. Nein, sie präsentieren ihn mit ihrem iPad. Dafür verbinden die Mädchen ihre Geräte über das Softwareprogramm Apple TV mit dem Beamer. Und schon erscheinen Formel und Ergebnis digital an der Wand. Parallel dazu erklären die beiden, wie sie auf ihr Ergebnis gekommen sind. Wie es so ist, steckt der Fehler im Detail. Durch geschicktes Nachfragen der Lehrerin erkennen die zwei, dass sie bei der Formelaufstellung die Kommas vergessen haben. Schneider schreibt nun die richtige Formel an die Tafel.

Daraufhin erhebt sich Gustav, bringt sein iPad in Position, zoomt die Formel heran und fotografiert sie ab. “Für mein digitales Heft”, sagt er. Auch Veith und Berkin präsentieren ihre Aufgaben per iPad. Sie sollen die Höhe eines Dachbalkens berechnen. “Wo habt ihr denn diese Formel her”, fragt Schneider. “Aus dem Internet”, antwortet Berkin. “Error”, ruft Gustav in die Runde. Gekicher ist zu hören. “Es ist durchaus ratsam, auch mal wieder ins Buch zu schauen”, gibt Schneider den Hinweis und lächelt. Gustav korrigiert: “Die Formel lautet h²=p×q.”

Dominik Buschardt

Seit Januar dieses Jahres besitzt jeder Schüler und jede Schülerin der Projektklasse ein eigenes Gerät, das sie nach dem Unterricht auch mit nach Hause nehmen können. Die iPads sind für ein Jahr geliehen. Solange dauert das Pilotprojekt der Landeshauptstadt Wiesbaden, das Lehrkräfte, das Schulamt und das Medienzentrum Wiesbaden sowie die Johannes-Gutenberg-Universität aus Mainz und der Bildungseinrichtungen spezialisierte IT-Ausstatter REDNET begleiten. “Wir wollen herausfinden, welche Apps sich für den Unterricht eignen, aber auch, wie die Jugendlichen mit den teuren Geräten umgehen”, erklärt Reinhard Debus vom Schulamt Wiesbaden. Apps oder auch Applikationen sind Anwendungsprogramme für Mobilgeräte. “Bisher testen wir zehn kostenlose Apps”, ergänzt Deutschlehrerin Jennifer Radke. “Die Idee ist, Tablets in Zukunft flächendeckend in den Schulen einzusetzen. Ob das unterm Strich Apple-Geräte sind oder welche von anderen Herstellern, das wird sich zeigen”, erläutert Debus. Auch die Schülerinnen und Schüler der Elly-Heuss-Schule arbeiten mit den Tablet-PCs. Der Unterscheid zur Oranienschule ist, dass die Geräte in der Schule bleiben und dass sie von unterschiedlichen Klassen genutzt werden. Beide Schulen haben im Rahmen ihrer Bewerbung im vergangenen Jahr pädagogisch-didaktische Konzepte ausgearbeitet, die sie jetzt in der Praxis erproben. “In den Sommerferien haben wir auch an technischen und didaktischen Fortbildungen teilgenommen”, erzählt Physiklehrerin Andrea Wettermann. Denn auch die Lehrkräfte betreten beim Unterrichten mit den iPads Neuland.

Dominik Buschardt

 

Muriel bringt ihr iPad in Position und fotografiert die korrekte Formel ab. Das geht in diesem Fall schneller als mitzuschreiben.

Technische Infrastruktur schaffenMathe und Physik gehen nahtlos in einander über. Schneider verlässt den Raum, Andrea Wettermann betritt ihn. Nach der Begrüßung steigt Wettermann schnell in das aktuelle Thema “Ortsbestimmung, Entfernung und Zeit” ein. Für diese Stunde hat sie fünf Stationsaufgaben vorbereitet. Sie teilt die Klasse in ebenso viele Arbeitsgruppen. Eine der Gruppen soll zum Beispiel die Position der drei deutschen Flughäfen München, Frankfurt am Main und Berlin Tegel bestimmen. Dafür hat Wettermann ein Arbeitsblatt zusammengestellt, das sie mit der App “Note Anytime” erstellt hat und das sich die Schülerinnen und Schüler auf ihr iPad laden. Es zeigt die Deutschlandkarte auf Kästchenpapier, worauf sie die Koordinaten der Flughäfen eintragen sollen. Eine andere Gruppe soll herausfinden, welche Schrittgeschwindigkeit die Suchmaschine Google Maps für die Distanz von der Oranienstraße 5-7 in die Jahnstraße 1 ansetzt. Dafür haben die Jugendlichen Zugriff auf das Schulnetzwerk und können per W-LAN, also über eine kabellose Verbindung, im Internet surfen.

Dominik Buschardt

Im Physikunterricht recherchieren die Schüler im Internet. Über Google Maps ermitteln sie die Distanz zwischen Oranienstraße und Jahnstraße, um die Schrittgeschwindigkeit zu berechnen.

Nora und Laurentia tippen bei Google Maps die Straßennamen ein und wechseln auf die Einstellung “zu Fuß”. So erhalten sie die genaue Distanz und die Zeit. Nun stellen sie die Formel Entfernung durch Zeit auf. “Ich versuche die Schülerinnen und Schüler über ein Beispiel aus ihrer Erfahrungswelt zur konkreten Aufgabe zu führen”, erzählt Wettermann. Nachdem die Schülerinnen und Schüler das Ergebnis herausgefunden haben, sollen sie noch den Weg maßstabgetreu aufzeichnen. Dies erledigen sie handschriftlich mit Bleistift und Lineal. 8 Zentimeter entsprechen 80 Meter. “Und achtet darauf, dass ihr den Start- und Endpunkt sowie Richtungspfeile angebt”, erklärt Wettermann. “Mir ist wichtig, dass sich die Jugendlichen Sachverhalte auch noch mit Stift und Zettel notieren”, betont Wettermann.

 

Andrea Wettermann, Physiklehrerin und schulinterne ProjektkoordinatorinDominik Buschardt

 

Während der Testphase sehen die Lehrerinnen und Lehrer der Oranienschule das iPad als mediale Erweiterung, das Stifte, Schreibhefte und Bücher nicht gänzlich verdrängt. In Zukunft aber könnten sich die Kinder das Tragen der Schulbücher, Arbeitsblätter und Hefte sparen, indem sie diese in digitaler Form auf ihren Tablet-PC laden.

Eine weitere Gruppe beschäftigt sich mit der physikalischen Funktion einer Rolltreppe. Über diverse Suchmaschinen wie Bing und Google versuchen die Jugendlichen weitere Anhaltspunkte zu finden, um die Aufgabe lösen zu können. Merle schaut sich einen Film über das Internet-Videoportal “youtube” an, merkt aber schnell, dass es keine Antwort auf die physikalische Frage liefert. “Wie fährt die Treppe nach oben”, richtet sich Wettermann an die Gruppe. “Langsam”, antwortet Veith. Gleichzeitig tippt er bei Google die Wörter “physikalische Bewegung Rolltreppe” ein. So findet er den Hinweis, dass es verschiedene Bewegungsarten gibt: beschleunigend, verzögernd und gleichförmig. “Die Rolltreppe basiert auf dem Prinzip der gleichförmigen Bewegung”, erklärt Veith. “Die Schüler sollen sich Fragen stellen. Also, was steckt physikalisch dahinter? Und sie sollen die Medien gezielt einsetzen”, erläutert die Lehrerin.

Mit dem iPad fächerübergreifend arbeitenNeben Mathe und Physik werden die Tablet-PCs auch in den Fächern Biologie, Geografie, Chemie, Kunst, Deutsch und Geschichte eingesetzt. “In Deutsch arbeiten wir gerade an einer Fotostory. Dazu haben wir verschiedene Kurzgeschichten gelesen, zum Beispiel ‘Die Probe‘ von Herbert Malecha”, berichtet Muriel. Auch hierbei arbeiten die Jugendlichen in Gruppen. Die Aufgabe besteht darin, auf Basis der Kurzgeschichte 15 passende Bilder zu erstellen. Wie sie das umsetzen, bleibt der Phantasie und Kreativität der Jugendlichen überlassen. “Wir werden für eines der Fotos in ein Kaufhaus gehen”, ergänzt Muriel. “Dafür treffen wir uns auch nach der Schule.”

Dominik Buschardt

“Und wir verkleiden uns”, wirft Laurentia in die Runde. Sie trägt einen schwarzen Schnurbart und lacht. Parallel dokumentieren die Jugendlichen wie sie vorgehen und arbeiten – natürlich mit dem iPad. Sie notieren sich zum Beispiel, welche Apps sie verwenden und filmen sich.

Nach dem Testjahr soll für alle anderen eine Handreichung zur Verfügung stehen. “Von den Erfahrungen, die wir jetzt machen, werden die Kollegen und Schüler profitieren. Die Handlungreichung soll ihnen den Einstieg erleichtern”, erzählt Deutschlehrerin Jennifer Radke. Zudem begleiten die Medienpädagogen Prof. Dr. Stefan Aufenanger und Luise Ludwig vom Institut für Erziehungswissenschaften der Uni Mainz dieses Projekt. Ihre Studie wird vom Hessischen Kultusministerium unterstützt. “Die Ergebnisse sollen dann hessischen Schulen und Schulträgern zur Verfügung stehen”, erzählt Reinhard Debus.

 

Jennifer Radke, Klassenlehrerin der 8a

 

Dominik Buschardt

Neben didaktisch-pädagogischen Fragen stellen sich aber auch viele technische und versicherungsrechtliche, zum Beispiel nach der Pflege und Wartung sowie nach der sicheren Verwahrung der teuren Geräte. Marko erzählt: “Als wir im Urlaub waren, ist bei uns zu Hause eingebrochen worden. Das Tablet haben die Einbrecher mitgehen lassen. Ich habe jetzt das von Frau Schneider.” “Das ist natürlich keine Lösung auf Dauer. In diesen Fällen benötigen Schulen klare Richtlinien und Vereinbarungen”, sagt Reinhard Debus. “In puncto Finanzierung diskutieren wir zum Beispiel über Leasingmodelle oder ob Eltern die Geräte für ihre Kinder anschaffen.” Um all das zu klären, trifft sich die Projektgruppe regelmäßig und hospitiert an den Schulen. Sie besteht aus Vertretern des Schulamts und des Medienzentrums Wiesbaden, der Uni Mainz, dem auf Bildungseinrichtungen spezialisierten IT-Ausstatter REDNET sowie der Fachberatung des Staatlichen Schulamts.

Dominik Buschardt

Reinhard Debus vom Schulamt Wiesbaden erklärt: „Wir wollen herausfinden, welche  Apps sich für den Unterricht eignen.“

“Was ich nach dieser kurzen Zeit beobachte, ist, dass die Schülerinnen und Schüler hochmotiviert lernen und auch sehr behutsam mit den Geräten umgehen”, resümiert Geschichts- und Geografie-Lehrer Christian Reinsch. “Bei der Quellenarbeit in Geschichte zum Beispiel machen sich die Jugendlichen sehr viel mehr Notizen, vielleicht weil sie mit der Kommentarfunktion mehr Platz haben, als auf dem ausgedruckten Papier. Es scheint, als seien sie mutiger – vielleicht auch deshalb, weil sie schneller Sachverhalte korrigieren können.”

Oranienschule Wiesbaden

Oranienschule Wiesbaden – Die Oranienschule in Wiesbaden ist ein Gymnasium, an dem ca. 1.000 Schüler lernen und 70 Lehrer unterrichten.

 

Oranienschule Wiesbaden

Die Oranienschule ist ein Gymnasium, an dem zirka 1000 Schülerinnen und Schüler lernen sowie 70 Lehrkräfte unterrichten. Die Schule legt ihren Schwerpunkt auf Musik. So können die Schülerinnen und Schüler im Streichorchester mitspielen, im Schulchor mit singen oder sogar an einem Jazzchor, der von einer Band begleitet wird, teilnehmen. Alle Ensembles verbringen jedes Jahr drei intensive Probetage außerhalb der Schule. Der Höhepunkt ist dann das große Sommerkonzert in der Lutherkirche in Wiesbaden.

Dominik Buschardt

Mit Hilfe der App „Notes Plus“ macht sich Paula im Unterricht für ihr digitales Heft Notizen.

Quelle: Diane Zachen / UV

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